Hallo – kennen Sie Herrn Kayser?

Test

Ich meine nicht die fiktive Werbefigur der Hamburg-Mannheimer, die uns über 30 Jahre in unsere Stammhirnrinde eingebrannt wurde, sondern einen ehrgeizigen Komponisten aus Salzkotten! Johannes Kayser ist schon seit 1986 mit gemafreier Musik erfolgreich am Markt. Seinem selbstgegründeten Verlag vertrauen weltweit über 4000 Kunden.

NAVIGATION/ÜBERSICHT:

Willkommen bei Kayser Medienverlag, heißt es auf der Startseite des Anbieters. In der Regel ist ein Verlag darauf bedacht, mit unterschiedlichen Autoren zusammenzuarbeitet. Doch hier scheint sich Herr Kayser selbst zu verlegen – also ein Selbstverlag! Dieses Do-it Yourself-Konzept ist augenscheinlich auch auf die Programmierung der Webseite angewendet worden. Optisch werden meine Sinne gerade nicht angesprochen. Meine Augen müssen hier viel erdulden. Deshalb navigiere ich schnell links oben in die Kategorie „Musikdownloads“, die den größten Teil dieses Medienarchives ausmacht. Ups! Hier sieht es auch nicht übersichtlicher aus. Also kämpfe ich mich erst einmal durch die über 2000 nicht vorsortierten Artikel. Ja, Sie haben richtig gelesen! Zwar sind alle Produkte alphabetisch geordnet und können über einen Filter umsortiert werden, ein gezieltes Suchen nach Musikrichtung über die vielen hundert Artikelseiten macht kein Spaß und gelingt nicht wirklich. Abhilfe sollen die beiden Funktionen „Musik Genre“ und die Suchmaske auf der Startseite schaffen. Die Suchfunktion kann ich mit allerlei Stichwörtern füttern. Beide Funktionen benötigen aber eine benutzerfreundlichere Umsetzung und sind für Neukunden viel zu unscheinbar platziert. Das Auffinden geeigneter Musik für diverse Projekte wird zusätzlich dadurch erschwert, dass kein Player in die Seite integriert wurde. Beim Anwählen einer Hörprobe soll sich der Mediaplayer des Betriebssystems öffnen. Das tut er z. B. bei den bekannten Playern Quicktime und RealPlayer nicht. Viele User bevorzugen diese Programme auf ihren Computern. Der bei deutschen Benutzern sehr beliebte Browser Firefox z. B. wird auch nicht richtig unterstützt. Der IE von Microsoft bietet glücklicherweise einen reibungslosen Ablauf, ist aber laut aktueller Statistik mit 20% Marktanteilen in Deutschland klar auf dem Rückmarsch. Ich klicke also auf den „mp3 demo Button“ eines Musiktitels und mein Windows Mediaplayer unter Windows 7 64 Bit öffnet sich. Die Musik wird automatisch abgespielt. Der Mediaplayer versperrt mir aber gleich einmal die Sicht auf weitere Produktseiten des Anbieters. Ein Zwei-Monitor-Betrieb würde das Problem erträglicher machen. Ich wechsele im Mediaplayer zur Bibliothek und speichere die Datei auf meinen Rechner. Das klappt. Leider ist die Sofortkauf-Funktion bei den meisten Musiktiteln nicht vorgesehen. Das führt dazu, dass ich erst auf „…weitere Infos“ klicken muss, um zum Warenkorb zu gelangen. Auf der Produktseite kann ich den Titel bewerten, weiterempfehlen und ihn natürlich auch kaufen. Die Musik ist mit einigen Schlagwörtern sehr knapp dokumentiert. Aber besser als gar nichts. Wichtige Details für Profis gibt es nicht wie Tempo- oder Tonartangaben, dafür aber so überflüssige Angaben wie „ 100 Stück“ auf Lager“ oder die datierte Artikelaufnahme. Auch im „Warenkorb“ gibt es einige Layout-Fehler. Was bitte schön hat die Gewichtsangabe des Artikels mit dem Verkauf von digitalen Gütern zu tun, die der Kunde per Direktdownload erhält? Um zur „Kasse“ zu gehen, muss ich mich leider anmelden. Im Impressum des Shops hat der Fehlerteufel wieder gnadenlos zugeschlagen.

Alle weiteren Funktionen sind standardisiert und brauchbar. Einige Zusatzfunktionen sind auch mit an Bord: ein Währungsumrechner (EUR/US), Sonderangebote, Neue Artikel, Newsletter abbestellen, Bewertungen der Kunden und natürlich die gern verwendeten Fragen und Antworten. Unter „Weitere Informationen“ finde ich beim Durchlesen der Biographie des Filmkomponisten eine herunterladbare Bescheinigung der GEMA, in der bestätigt wird, dass Herr Kayser nicht Mitglied dieser Verwertungsgesellschaft ist. Diese Information ist sicherlich für einige Kunden interessant!

Dieser Shop benötigt unbedingt ein Facelifting. An der Übersichtlichkeit und der Struktur muss dringend gearbeitet werden. Viele unterschiedliche Schriftgrößen erschweren das Lesen mit Computermonitor. Die meisten Bildinformationen sind nicht brauchbar und falsch skaliert. Benutzerfreundlich geht im Jahr 2012 anders!

1/5

UMFANG/QUALITÄT:

Der Musikumfang ist für einen 1-Mann Betrieb beeindruckend. Zurzeit umfasst der Medienverlag 113 Gemafreie CDs, 2448 Einzeltitel, 7 Beschallungspakete, 64 Filmproduktionen und 14 Videoclips. Das Musikarchiv ist in den Genres: Blues, Chill Out/Wellness, Country, Dance, Filmmusik, Funk, Gefühle/Ambient, Geräusche/Effekte, Gitarre, Industrie/Technik, Jazz, Klangfläche, Klassik, Lateinamerikanisch, Ragee (!), Ragtime/Dixie, Reise/Dokumentation, Rock, Spots/Commercial Werbung, Swing/Big Band, Traditionell/Volksmusik und Unterhaltung gegliedert. Einige zusätzliche Angebote ergänzen das Musikportal. Wie wäre es mit Militärmärschen oder Nationalhymnen?

Die Demos in der Kategorie „Musikdownloads“ sind für eine faire Bewertung nicht geeignet. Die Hörproben haben alle eine zu niedrige Qualität. Die Musik steht im mp3 Format bereit, ist aber bei 32 Kbit/s so schlecht wie bei einem analogen Telefongespräch über Festnetz aus vergangenen Zeiten. Der Schutz vor Raubkopierern steht bei Kayser Medienverlag vor der Qualität der Musik. Das wird leider auch einige Kunden abschrecken. Schade! Wie die Musik wirklich klingt, kann der potenzielle Käufer ungefähr abschätzen, wenn er die Videoproduktionen anklickt, die alle mit Musik hinterlegt sind. Das klingt schon bedeutend hochwertiger. Zugutehalten muss man den Demos aber, dass sie in voller Länge zur Verfügung stehen.

Die Musikvielfalt ist lobenswert. Kompositorisch gibt es nichts zu meckern – der Kompositeur versteht sein Handwerk! Der Klassikliebhaber bekommt bei Kayser Medienverlag eine große Palette von Albinoni bis Wagner geboten. Ich zählte 383 Artikel. Zu einigen klassischen Werken gibt es Informationen, die ich in seiner Ausführlichkeit noch bei keinem Anbieter entdecken konnte (Stichwort: Verdi). Wer auf typische Jingles steht, wir unter Spot/Commercial Werbung fündig. Wer die Musiktitel für hochwertige Projekte benötigt, sollte sich unbedingt beim Hersteller von der Musikqualität überzeugen lassen, in dem er sich bessere Hörproben schicken lässt. Instrumentale Weihnachts- und Volkslieder gehören auch zum Repertoire – für Weihnachtsmärkte, die unter der Last der Gema Gebühren ächzen, sicherlich interessant. Ausgeliefert werden alle Titel als Direktdownload im Format mp3, 320 kBit/s. Sollte sich in Zukunft die Musikqualität der Hörproben verbessern, gibt es von mir einen Daumen mehr.

2/5

PREISE/LIZENZEN:

Beim Kauf der Musik von Kayser Medienverlag sind alle Verwertungsrechte eingeschlossen: räumlich und zeitlich unbegrenzt, weltweite Gültigkeit, Produkt-, Image- und Präsentationsfilme, Hintergrundmusik auf Webseiten, Telefonwarteschleifen, kommerzielle Podcasts, TV, Radio, mechanische Vervielfältigung mit beliebigen Auflagehöhen,  Kinowerbung und, und und …  Sie benötigen also nur eine einzige Lizenz. Prima! Alle Einzeltitel kosten 19,00 €. CDs kommen für 69,00 € unter den Hammer. Jeder Videoclip kostet 49,00 €. Die darunter liegende Musik kann vom Kunden auch Gema-frei genutzt werden. Es muss noch niemals das gleiche Projekt sein. Wer es noch günstiger haben will, schaut auf die Sonderangebote. Zum Zeitpunkt meines Tests entdeckte ich unter „Sonderangebote“ folgendes Angebot: 2000 Musiktracks auf 3 DVDs inkl. 19% MwSt. zzgl. Versandkosten für unglaubliche 149,00 €. Das sind knapp 8 Cent pro Musiktitel bei uneingeschränkter, kommerzieller Nutzung. Wie geht das? Der Anbieter begründet diesen Preis wie folgt: „Wegen der Vielzahl der Geschäftskontakte kann ich meine Musik zu sehr günstigen Preisen anbieten.“

Doch auch in diesem Testbereich geht es nicht ohne Kritikpunkte. Dazu muss ich ein wenig tiefer in das Urheberrecht eintauchen. Beim Durchhören fand ich den Musiktitel des deutschen Komponisten Richard Strauss – Also sprach Zarathustra. Zum Thema „Strauss“ sollte ein Anbieter von Gemafreier Musik wissen, dass dieser 1949 verstarb und in den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts als einer der Gründungsväter der Genossenschaft Deutscher Tonträger (GDT) zählt. Diese Verwertungsgesellschaft ging später in die heutigen GEMA über. Richard Strauss hatte sich zeitlebens dafür eingesetzt, dass Urheber auch nach Ablauf der Schutzfrist Einnahmen erzielen können. Leider ist der gute Mann noch nicht länger als 70 Jahre tot und die gemafreie Nutzung seiner Werke zweifelhaft. Kunden, die bei Gemafreien Musikportalen einkaufen, sollten sich bei älteren Werken darauf verlassen können, dass seine Komponisten auch wirklich 70 Jahre tot sind (Gemeinfreiheit).

4/5

STECKBRIEF:

  • Angebot: Gemafreie CDs, Musikdownloads, Effekte, Videoclips, CD/DVD Kopierstation, Beschallung
  • Auswahl: 113 CDs, 2448 Musiktitel, über 2000 Effekte, 7 Beschallungs-Pakete, Videoclips, Filmarchiv
  • Qualität: Direktdownload (mp3, 128 Kbit/s) CDs Download (mp3, 320 Kbit/s
  • Demos: herunterladbar
  • Preise: Einzeltitle 19,00 €,  Einzel-CD 69,00 €, Videoclips 49,00 €
  • Lizenzstaffelung: 1
  • Registrierung: erforderlich
  • Zahlungsmöglichkeiten: PayPal, Lastschrift, Vorkasse Rechnung für Behörden, Schulen und Institutionen
  • Service: individuelle Beratung, Kompositionsaufträge, Sonderangebote, Newsletter
  • Besonderheiten: freies Filmarchiv auf DVD  für Praxen, Wartezimmer, Hotels, Wellness, Solarien als Eyecatcher mit pauschaler Sendelizenz, DVD Kopien incl. Labeldruck, und Erstellung von Audio Mastering für hochwertige Produktionen, CDs zur Beschallung von Geschäftsräumen

 

FAZIT:

Was bleibt, ist ein Aktenkoffer voller unerfüllter Wünsche. Das Potenzial ist eindeutig vorhanden, den musikalischen Idealismus spüre ich mit jedem Klick der Maus, die Preise sind unschlagbar niedrig – was fehlt, ist zweifelsfrei ein guter Webprogrammierer, der den Shop optisch und strukturell auf Vordermann bringt. Für die Umsetzung sollte sich der Anbieter auf Grund der wachsenden Konkurrenz nicht so viel Zeit lassen. Sonst geht es Herrn Kayser aus Salzkotten nachher wie dem bekanntesten, deutschen Versicherungsvertreter. Die Ergo-Versicherungsgruppe stellte die Marke Hamburg Mannheimer ein und Herr Kaiser verlor nach über 35 Jahren seinen Job.

Wertung: 2,3/5

http://www.sf4.de/

 

One thought on “Hallo – kennen Sie Herrn Kayser?

Schreibe einen Kommentar